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Handelsblatt Beitrag:

Interview: Drei Fragen an den Nachhaltigkeitsexperten Armin Neises Gründer und CEO, Waves)

Was sind aus Ihrer Sicht die direkten Nachhaltigkeitsauswirkungen aus dem eigentlichen Betrieb der IT und der notwendigen Infrastruktur?

AN: Es ist wichtig, dass wir zwei Ebenen unterscheiden. Zuallererst verbrauchen IT-Systeme eine Menge Energie, insbesondere durch den Betrieb von Servern und Rechenzentren, die Verwendung von Kühlungssystemen sowie durch die Nutzung von Endgeräten. Deshalb muss ein erster Effekt zur Reduzierung der negativen Nachhaltigkeitsauswirkungen sein, die Systeme und Geräte mit erneuerbaren Energien zu versorgen, kompromisslos!

Darüber hinaus können IT-Dienstleister die Energieeffizienz durch die Verwendung von optimalen Hardware-Komponenten, durch den Einsatz von Virtualisierungstechnologien oder durch die Optimierung von Betriebssystemen und Anwendungen verbessern.

Dabei darf jedoch nicht nur auf den eigentlichen Betrieb der Systeme geschaut werden, sondern auch auf die gesamte Lieferkette, die mit einer Form der nachhaltigen Beschaffung gesteuert werden kann. Hierzu zählen beispielsweise die Zusammenarbeit mit Lieferanten, die Recyclingmaterialien für die Herstellung von Hardware-Komponenten verwenden und die nachweislich energieeffiziente Geräte herstellen sowie umweltfreundliche Verpackungen nutzen.

Allerdings gibt es enorme und nicht zu unterschätzende Potenziale auf der zweiten Ebene, nämlich durch ein nachhaltiges Datenmanagement. Durch die Reduzierung der Datenmengen und die Verbesserung des Datenmanagements können IT-Dienstleister die Umweltbelastung erheblich reduzieren. Hierzu zählen beispielsweise die Verwendung von Datenkomprimierungstechnologien, die Optimierung von Datenbanken und die Verwendung von Cloud-Computing-Lösungen. Hierzu ist echtes IT-Know-how zur Effizienzsteigerung gefragt.

Elektronischen Abfall gilt es im Sinne der Kreislaufwirtschaft besonders zu beachten. Die schnelle Entwicklung von Technologien führt zu immer kürzeren Lebensdauern von Geräten und somit zu einem erhöhten Aufkommen von Elektroschrott. Hierbei sind Reparierbarkeit von Geräten oder Demontage einzelner Bauteile sowie Materialen heute noch nicht ausreichend gewährleistet.

Ebenso müssen wir die sozialen Auswirkungen der Digitalisierung berücksichtigen. Die Automatisierung von Arbeitsprozessen durch digitale Technologien kann Stress und Burnout verursachen, Arbeitsplätze gefährden sowie soziale Ungleichheiten verstärken.

Wie wirkt sich denn die Nutzung der Digitalisierung besonders in Unternehmen, in denen die Systeme angewendet werden, auf die Nachhaltigkeit aus?

AN: Digitalisierung kann als Befähiger einen wesentlichen Beitrag leisten, um Ressourceneffizienz zu steigern. Durch den Einsatz digitaler Technologien können Unternehmen Prozesse automatisieren und optimieren. Dies kann wiederum zu einer Verringerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs sowie der CO2-Emissionen beitragen. Jedoch geht es auch um den direkten Energieverbrauch von Unternehmen, beispielsweise können intelligente Gebäudesysteme eingesetzt werden, um den Energieverbrauch zu optimieren.

Digitale Technologien ermöglichen es Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, flexibel von überall aus zu arbeiten, ohne dass sie an einem bestimmten Ort sein müssen. Dies kann dazu beitragen, den täglichen Pendelverkehr zu reduzieren, was wiederum zu einer Verringerung des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen beitragen kann. Ebenso kann die sozial-emotionale Belastung durch Fahrtzeiten, Abwesenheiten oder physische Beanspruchung durch Reisetätigkeiten reduziert werden.

Die Sammlung und Analyse von Daten ermöglicht es Unternehmen, fundierte Entscheidungen in Bezug auf Nachhaltigkeitsmaßnahmen zu treffen. So können sie durch datengestützte Entscheidungsfindung gezielter in umweltfreundliche Technologien investieren und ihre Geschäftsmodelle entsprechend anpassen.

Außerdem unterstützt Digitalisierung die Entwicklung von Geschäftsmodellen, die auf Kreislaufwirtschaft basieren, wie z.B. Sharing-Plattformen, und ermöglicht so eine effizientere Nutzung von Ressourcen.

Um die positiven Auswirkungen der Digitalisierung auf die Nachhaltigkeit zu maximieren und die negativen zu minimieren, sollten Unternehmen eine verantwortungsvolle digitale Strategie verfolgen, die sowohl ökologische als auch soziale Aspekte berücksichtigt.

Was ist aus Ihrer Perspektive ein erforderlicher Erfolgsfaktor, um die Nachhaltigkeitsleistung eines Unternehmens entscheidend zu verbessern?

AN: Letztendlich können bessere Nachhaltigkeitsleistungen dann über geeignete Nachhaltigkeitsindikatoren nachgewiesen werden, wenn Verhaltensveränderungen bei den Menschen stattgefunden haben.

Zwar können aus technologischer Sicht verbesserte Systeme angeboten werden, jedoch müssen sie auch genutzt werden. Es ist ein großer Kostenfresser, wenn die Systeme nicht in Anwendung kommen, weil sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht daran gewöhnen wollen, die alten Wege beibehalten, Umwege gehen oder die neuen Systeme schlichtweg bewusst ignorieren.

Dabei hilft Transparenz. Aus Sicht der Organisationspsychologie ist eine notwendige Voraussetzung für Verhaltensveränderung die klare Vision, die Informationen über den Status quo sowie die Einbeziehung der Betroffenen bei den Veränderungen. Hierzu bieten die Ansätze des Change-Managements und des Organisationalen Lernens Methoden und Kommunikationsebenen, die zum Erfolg führen können. In unserem neuen Buch „Nachhaltigkeit lernen“ (A. und L. Neises, Haufe-Verlag, 2023) gehen wir ausführlich auf diese Aspekte ein.

Kurzum gilt es, der Realität ins Auge zu schauen, dass auch die beste und effizienteste Technologie nicht hilft, wenn sie nicht von Menschen sinnvoll und zweckgerichtet in Anwendung kommt.

www.waves-sustainability.com
www.linkedin.com/in/arminneises

Armin Neises

Gründer und CEO – WAVES